Deutscher Architekturpreis 2019 – Anerkennung

PROJEKT
Bischofsgrablege Sülchenkirche, Sülchenstraße, 72108 Rottenburg am Neckar

ARCHITEKTEN
cukrowicz nachbaur architekten, Bregenz (AT)
in Kooperation mit Wiesler Zwirlein Architekten, Stuttgart

AUSSTELLUNGSGESTALTUNG
merz merz, Stuttgart

BAUHERR
Bistum Rottenburg-Stuttgart

FERTIGSTELLUNG
2017

Bischofsgruft, Sülchenkirche, Rottenburg

Bei Grabungen im Zuge von Sanierungsarbeiten in der spätgotischen Kirche wurden Fundamente einer vorromanischen Vorgängerkirche aus dem 9. Jahrhundert mit einem Dreiapsidenchor entdeckt. Infolge der Bedeutung der archäologischen Funde sollte die Bischofsgrablege als neue Unterkirche in dem freigelegten Bereich unter dem Kirchenschiff eingerichtet und ein Teil der gefundenen Fundamente innerhalb eines archäologischen Ausstellungsbereiches sichtbar gemacht werden. Der Entwurf übernimmt die axialsymmetrische Grundstruktur des bestehenden Sakralbaus. Der durch Grabungen entstandene Freiraum wird durch einen monolithischen Körper besetzt und bildet kraftschlüssig das neue Fundament für das Kirchenschiff. Der Weg zur Grablege folgt dem Thema des langsamen Eintauchens und bereitet Besucher auf den zentralen Andachtsraum vor. Auf Höhe des Zwischenpodestes – mit Einblick in den Ausgrabungsbereich – teilt sich die Anlage in zwei seitliche Treppenläufe, welche sich sanft fallend zum zentralen Hauptpodest entwickeln. Der Andachtsraum mit großer Raumhöhe wird als Konzentrationspunkt der Gesamtanlage und als Zielort mit Altarblock in der Mittelachse erfahren; die Bischofsgräber befinden sich in zwei übereinanderliegenden Ebenen entlang der Längswände. Sämtliche Wände und Decken wurden in Stampflehmbauweise herausgearbeitet. Der auf diese Weise entstandene monolithische Körper mit seinem schichtweisen Entstehungsprozess entspricht dem strukturellen Aufbau von Sedimentgesteinen. Die Fußböden wurden ebenfalls aus Stampflehm gefertigt, ihre Oberflächen wurden leicht angeschliffen. Die Grabplatten bestehen aus Juraschiefer, der Altar ist ein massiver Block aus Gauinger Travertin. Das freistehende Kreuz im Andachtsraum, das Gittertor zum Archäologiebereich und das Geländer in der Oberkirche sind aus patiniertem Messing gefertigt, das mit den erdigen Naturtönen von Boden, Wand und Decke harmoniert.

Jurybewertung

Arno Lederer

Bischofsgruft, Sülchenkirche, Rottenburg

Eine denkbar kleine Entwurfsaufgabe mit außerordentlich großer architektonischer Kraft. Nur eine Gruft, ein archäologischer Ort, museal aufbereitet, und eine Grab­lege für – auch zukünftige – Bischöfe. Der sakralen Wirkung dieses architektonischen Kleinodes kann man sich nicht entziehen. Den Begriff der Innovation auf das Bau­werk anzuwenden hieße, die Architektur nicht begriffen zu haben. Lehm, ein paar Eisenteile für die Beschläge, Messing für besonders bedeutsame Ausstattungsdetails.

Nur die gezielt spärlich eingesetzte Beleuchtung gehört nicht zu den Stoffen, die bis in die Moderne als ein gewohntes Baumaterial galten. Deshalb erscheint dem Betrachter die Architektur ungewohnt gewohnt. Mit dem präzisen Einsatz der mo­nochromen und von Hand gefertigten Böden, Wände, Treppen und Decken gelingt es den Architekten, die Besucher zu einer Art innerer Einkehr, auch zur Besinnung zu bringen. Natürlich auch Technik, nicht sichtbar, die der Sicherheit dient. Unabhängig der technischen Apparate: Nachhaltig wie alle Bauten, die für eine mehrere Jahr­hunderte dauernde Standzeit errichtet wurden. Ein spiritueller Ort, nur von wenigen tatsächlich besucht, von den meisten der Architektur wegen. Aber ein Ort, der sich, angeregt durch die Architektur, in das atmosphärische aber auch spirituelle Gedächt­nis der Besucher einschreiben wird. Auch wenn die Aufgabe innerhalb bzw. unterhalb des bestehenden Kirchenschiffes beschränkt ist (im Schiff ist nur der Treppenabgang sichtbar), so kann man dem unterirdischen Bauwerk, allein durch das Wissen um die Bedeutung des Ortes, in die direkte Umgebung und weit darüber hinaus eine große Strahlkraft zusprechen.

Die Architekten

cukrowicz nachbaur architekten ZT GmbH, Bregenz (AT)
Andreas Cukrowicz
Anton Nachbaur-Sturm
www.cn-architekten.at

Bischofsgruft, Sülchenkirche, Rottenburg

Bereits seit 1992 arbeiten Andreas Cukrowicz (*1969) und Anton Nachbaur-Sturm (*1965) zusammen, zunächst in verschiedenen Kooperationen, seit 1996 im gemein­samen Büro in Bregenz. Ihr Portfolio umfasst zahlreiche Schul-, Gemeinde- und Wohnbauten, aber auch Feuerwehrhäuser, eine Bergkapelle und den 1. Preis beim Wettbewerb Konzerthaus München (2017). Nach Otto Kapfinger „interpretieren (sie) Aufgaben und Materialien aus dem Kontext – präzise, einfach und selbstverständ­lich. Sie bringen komplexe Anforderungen zu unerwartet klaren und ökonomischen Lösungen mit Mehrwert. Sie schaffen mit Holz, Glas und Beton, mit natürlichen Oberflächen, mit stimmigen Lichtführungen und perfekten Proportionen robuste, inspirierende Räume für alle Sinne – starke und zugleich gelassene Architekturen für die Entfaltung aller Aktions- und Spielräume des Lebens.“ Beide Büropartner
engagieren sich seit vielen Jahren als Gestaltungsbeiräte in zumeist österreichischen Gemeinden.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Artikel „Deutscher Architekturpreis 2019 – Preisverleihung“.